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Adolf von Beckerath
geb. 17.08.1834 in Krefeld, gest. 28.12.1915 in Berlin, war ein Seidenkaufmann und Kunstsammler.
Vater: Gerhard von Beckerath (25.3.1784 - 14.02.1840)
Mutter: Susanna Regina von Beckerath geb. von Beckerath (14.01.1794 - 06.06.1851)

Adolf von Beckerath war das jüngste von 7 Kindern und wuchs ebenfalls auf Schloss Cracau auf, in dem die Brüder Gerhard und Heinrich von Beckerath mit ihren Frauen, den Schwestern Susanna und Charlotte und zahlreichen Kindern ein sparsames aber außerordentlich musisches Leben geführt haben. Die Väter waren kunstinteressiert und malten. Die Mütter musizierten. Es gab viele Kontakte zu Künstlern wie Johannes Brahms und Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die große Familie lebte zum Teil von eigenen landwirtschaftlichen Erträgnissen, kurz, ein idealer Hausstand, wie er von dem italienischen Renaissancekünstler Leon Battista Alberti um 1440 entworfen wurde. Die Gedankenwelt der Renaissance, die Kunst und Leben als Einheit umfasst, war Adolf seit Kindertagen vertraut und sollte für sein ganzes Leben prägend bleiben.

Schon früh durfte Adolf seinen Vater, einen bedeutenden Krefelder Textilfabrikanten, auf Geschäftsreisen nach Italien begleiten – einem Land, von dem er später sagte, er kenne es wie sein Haus. So lernte er bereits in jungen Jahren, sich für Kunstwerke der Renaissance zu begeistern, die später neben Werken der Niederlande ein Schwerpunkt seiner umfangreichen Sammlung werden sollte.

Nach dem Tod seiner Eltern begann Adolf 1852 ein Studium der Philosophie an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin. Er war vielseitig interessiert und stand auch auf der Schülerliste des Komponisten Friedrich Kiel. Nach Abbruch des Studiums ließ er sich in Berlin als Seidenhändler nieder und reiste mehrfach jährlich nach Italien, um Rohseide einzukaufen. Natürlich nahm er sich dabei Zeit, die Kunst des Landes weiterhin ausführlich zu studieren und Kunstwerke zu erwerben. Während eines halben Jahrhunderts gelang es ihm so, durch Ankäufe eine legendäre Sammlung von Kunstwerken der Renaissance zusammen zu tragen.

Durch seinen Beruf kam er zu beträchtlichem Vermögen. Er nutzte dies zum Aufbau einer riesigen Sammlung von Plastiken, Zeichnungen, Gemälden und Gegenständen des Kunstgewerbes der italienischen Frührenaissance, daneben auch Gemälde und in großem Umfang Zeichnungen alter Meister. Bald erstreckte sich sein Sammlereifer auch auf die Holländer des 17. Jahrhunderts.

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Leider ist über Adolfs Leben und seine Firma in Berlin wenig bekannt, was vermutlich darauf zurück zu führen ist, dass er unverheiratet blieb und keine Nachkommen hatte. Sammeln bedeutete für ihn, eine Kultur zu erwerben, die man selbst nicht hat. Er besuchte regelmäßig Konzerte, veranstaltete Hauskonzerte, verfasste neben seiner Sammeltätigkeit wissenschaftliche Abhandlungen über Kunstwerke und schrieb kritische Anmerkungen zu Ausstellungen. Seine Meinung war in Fachkreisen gefragt.

Für seine Ankäufe reiste der Sammler außer nach Italien auch kreuz und quer durch Europa. Darüber erfahren wie aus eigenen Notizen und vor allem aus der zum Teil sehr kontrovers geführten Korrespondenz mit Museumsdirektor Wilhelm Bode. Aufschlüsse über die Sammlungen geben seine handschriftlichen Verzeichnisse, Dokumentationen seiner Schenkungen, Museums- und Versteigerungskataloge des Kunst- und Auktionshauses Rudolph Lepke in Berlin. In einem dieser Kataloge sind auch die Räume voller Kunstbesitz in der Beckerath’schen Wohnung in der Markgrafenstraße abgebildet. Die Wohnung, in der er von 1862 bis zu seinem Tod lebte, muss ein einziges Museum gewesen sein.

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Seit der Reichsgründung wuchs das kaiserliche Interesse an einer schnellen Erweiterung der königlichen Museen in der Hauptstadt Berlin, deren Sammlungen aus dem eher bescheidenen Hohenzollernbesitz stammten. Nur durch qualitätvolle Neuerwerbungen konnte man es mit London und Paris aufnehmen. Dafür fehlten jedoch die finanziellen Mittel. Mit Wilhelm Bode, zunächst wissenschaftlicher Assistent, dann Direktor der Skulpturen- und Gemäldegalerie, ab 1905 Generaldirektor der Berliner Museen, war ein Museumstalent gefunden, der, selbst unglaublich ehrgeizig, mit großem Geschick verstanden hat, wohlhabende Berliner Bürger zum Sammeln von Kunst zu animieren. Obgleich er kein Kunsthistoriker sondern Jurist war, konnte er als Autodidakt beim Aufbau von Sammlungen helfen mit dem Ziel, eines Tages diese Sammlungen als Geschenk an die Museen entgegen nehmen zu können. Andererseits war er auf die Sammler angewiesen, die sich die Freiheit nehmen konnten und das Geld hatten, in Europa herum zu reisen und Kunstwerke nicht nur für eigene Sammlung sondern auch für die Museen einzukaufen. Es war der Anfang einer Jagd nach Sponsoren, ohne die heute kein Museum auskommt.

Am Beispiel Adolf von Beckerath, der zum engen Kreis um Bode gehörte, wird dies sehr deutlich.

Als Einblick in die Sammelgebiete hier ein paar Beispiele, um die Vielseitigkeit der Sammlung zu demonstrieren: An erster Stelle ist der wohl bedeutendste Schatz der ehemaligen Beckerath Sammlung, die Handzeichnungen, zu nennen, die sich seit 1902 als einziges, geschlossenes Ensemble der Sammlung im Berliner Kupferstichkabinett befinden:

Italienische Renaissance:

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Gentile Bellini (Venedig): Bildnis eines Mannes, um 1496. Das Interesse Adolf von Beckeraths an holländischen und flämischen Zeichnungn des 17. Jahrhunderts beruhen wahrscheinlich auf der Herkunft vom Niederrhein und des mennonitischen Glauben des Sammlers.

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Peter Paul Rubens: Bathseba empfängt Brief Davids, 1613/1614.

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Rembrandt: Studie zum wehklagenden Jacob, dem der blutige Rock von Joseph gezeigt wird. Schmerzverzerrtes Gesicht, skizzenhaftes Blatt, typisch für Rembrandts Zeichnungen. Eine international bedeutende Rolle nehmen die Rembrandt Zeichnungen der Sammlung ein. Durch Zuwachs aus der Beckerath Sammlung besitzt das Berliner Kupferstichkabinett die weltbeste Sammlung an Rembrandt Zeichnungen.

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Rembrandt: Studie für die "Stalmeesters", um 1662. Das Ölbild befindet sich im Rijksmuseum in Amsterdam.

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Verzeichnis Heft 13, holländische Schule.
Das von Adolf vopn Beckerath persönlich angelegte Verzeichnis umfaßte zahlreiche Hefte. Hier Heft 13.

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Eigenhändige Einträge in das Verzeichnis "Deutsche Schule". Beckerath bemühte sich, Ecksteine deutscher Zeichenkunst für seine Sammlung zu erwerben.

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Lucas Cranach d.Ä.: Die vierzehn Nothelfer, 1525. Heilige mit Attributen dargestellt, in der Mitte der heilige Christopherus, Vorbild für ein Gemälde der "Royal Collection", heute Hampton Court.

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Hans Holbein d.Ä.: Bildnis eines berühmten Regensburger Baumeisters, um 1490/1495, gehört zu frühesten Silberstiftzeichnungen des Hans Holbein d.Ä.

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Aus der Gruppe Frankreich 18. Jahrhundert und Italien (Venedig)

Antoine Watteau: Sitzende Frau, um 1715/1716, keine Vorzeichnung, sondern ein autonomes Kunstwerk

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Domenico Tiepolo, Sartyr Szene um 1770/1780

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Weitere Sammelgebiete: Kleinbronzen und Kunstwerke der italienischen Renaissance

Bronze, Triton aus der Werkstatt des Severo von Padua, erstes Drittel des 16. Jahrhunderts. Mischwesen kämpft mit Schlange, inspiriert von der 1506 in Rom aufgefundenen Laokoongruppe.

Die Sammlung von 144 Kleinbronzen übergab der Sammler 1902 ebenfalls gegen eine Leibrente an die Berliner Skulpturengalerie. Heute befinden sich nur noch über 20 davon im Bode Museum.

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Hochrelief aus der della Robbia Werkstatt. Maria mit Engeln das Christuskind anbetend, um 1500, Terracotta farbig lasiert, im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum.

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Nach Krefeld gelangte auch die Madonna mit Kind von Nanni di Bartolo, Figurengruppe aus gebranntem Ton, 1901 für 10.000 Mark von Krefeld aus Sammlung Adolf von Beckerath erworben. Gilt als größte Kostbarkeit der Krefelder Sammlung. Für die dringend erforderliche Restaurierung dieser Figurengruppe werden Paten gesucht.

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Majolika

Berühmtheit erlangte von Beckeraths Majolika-Sammlung, deren größter Teil bereits zu Lebzeiten des Sammlers 1913 in einer Spezialauktion bei Rudolph Lepke in Berlin versteigert wurde. Adolf von Beckerath sammelte nicht nur figürlich bemalte Majolikas des 16. Jahrhunderts sondern er gehörte zu den ersten Sammlern in Deutschland, die Majolika der Frühzeit sammelten. Ein kleiner Teil befindet sich im Krefelder Kaiser-Wilhelm-Museum.

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Majolika Apothekengefäß aus Faenza, 2. Viertel des 16. Jahrhunderts, bemalt in Blau. Erworben 1916 aus der Nachlaßversteigerung für 435 Mark vom Museumsverein Krefeld.

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Leider ruht die Renaissance Sammlung des Krefelder Museums, deren überwiegender Teil aus Beckerath'schem Besitz stammt, im Magazin.

Über die genannten Kunstwerke hinaus, fanden sich in der Sammlung Stefano da Veronas, Filipos Lippis, Botticellis, Michelangelos, Tizians, Dürers, Rubens, van Dycks, Rembrandts und Francois Bouchers. Fachkundige Zeitgenossen wie Friedländer und Bode attestierten Adolf von Beckerath "Kunstsinn und historisches Verständnis". Allein seine Zeichnungssammlung umfasste 3.456 Werke, die er gegen eine Leibrente dem Kupferstichkabinett in Berlin zur Verfügung stellte. Nach seinem Tod wurde diese Sammlung durch das Auktionshaus Rudolph Lepke, Berlin, vom 23. - 26. Mai 1916 für etwa 2 Millionen Goldmark (nach heutigem Wert etwa € 16 Mio.) versteigert.

Obwohl Adolf von Beckerath die meiste Zeit seines Lebens in Berlin verbrachte, fühlte er sich seiner Heimatstadt Krefeld verbunden und räumte Sonderrechte bei Verkäufen aus seinen Sammlungen ein.

Verschiedene glückliche Umstände haben dazu geführt, dass es Adolf von Beckerath gelang, eine Sammlung aufzubauen, die an Qualität und Umfang im deutschsprachigen Raum einmalig war und die ihm den Ruf einbrachte, Pionier der legendären Sammlergeneration zu sein.

Bedeutungsvoll für Adolfs Erfolg als Kunstsammler war darüber hinaus seine seit 1870 bestehende Beziehung zu Wilhelm Bode, unter dessen Leitung die Sammlungen der Reichshauptstadt zu Weltruhm gelangten. Das Verhältnis Bodes zu dem eigenwilligen Beckerath war allerdings keinswegs frei von Konflikten. Beckerath wurde aufgrund seiner fundierten Kenntnisse in verschiedene sachverständige Kommissionen berufen, er konnte sich auch auf Reisen praktisch für das Museum betätigen, sozusagen als Bodes Reisegenosse und Agent. Aber die Korrespondenz mit Bode läßt Konflikte zwischen den beiden schwierigen und eigenwilligen Kunstliebhabern (öffentlich und privat) deutlich erkennen. Von Wilhelm Bode weiß man, dass er seine Sammler gerne von sich abhängig sehen wollte, gingen sie eigene Wege, kam es zu Zerwürfnissen.

Bode respektierte unseren Sammler. Er hielt ihn "für den einzigen, der ein gewisses Verständnis für die wissenschaftliche Bedeutung der Kunst und unserer Museumssammlungen hat".

Den hohen Qualitätsstandard der von Bode geförderten privaten Sammlungen vermittelt eindrucksvoll ein Austellungskatalog von 1898 "Kunstwerke des Mittelalters und der Renaissance aus Berliner Privatbesitz" in der alten Akademie der Künste. Dafür wurde unter anderem auch ein Beckerath-Kabinett eingerichtet. Beckeraths Beitrag an der Ausstellung war auf allen Gebieten (Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen und Möbel) unübertroffen.

In weiteren Ausstellungen waren Adolf von Beckeraths Schätze zu sehen:
1901 im Berliner Kunstsalon 500 Zeichnungen der Niederlande
1902 im frisch renovierten Kupferstichkabinett im Neuen Museum auf der Museumsinsel die inzwischen öffentliche Sammlung aller Zeichnungen des Sammlers
1916 nach dem Tod Adolf von Beckeraths wurde eine Auswahl präsentiert, mit der dem Sammlerfürsten die letzte Ehre erwiesen wurde.
30.11.2002 bis 23.03.2003 die große Jubiläumsaustellung im Berliner Kupferstichkabinett mit dem Thema "Kunstsinn der Gründerzeit - die Sammlung Adolf von Beckerath".

Viele Berliner Sammler der Gründerzeit waren gemeinschaftlich organisiert. Ab 1886 in der kunsthistorischen Gesellschaft und ab 1894 im Kaiser Friedrich Museumsverein.

Dieser organisierte Kunstbetrieb hat dazu geführt, dass trotz zunächst gegensätzlicher Sammlungszwecke (privater und öffentlicher Natur) durch gute Zusammenarbeit von Sammlern und Museen die preussischen Kunstsammlungen zu Weltruhm gelangten.

Gesellschaftspolitisch interessant dabei ist, dass der Kreis der großbürgerlichen Sammler, unter denen unser Verwandter Adolf von Beckerath einer der wichtigsten war, vor dem Hintergrund des Wandels der dezentralisierten Stadt Berlin zur modernen Industrie- und Handelsmetropole gesehen werden muss. Der kultivierte Lebensstil und der Einsatz für die Museen ist Ausdruck einer sich neu formatierenden reichshauptstädtischen Oberschicht, welche die alte aristokratische Elite in ihrer Rolle für den Kulturbetrieb der Stadt ablöste. Es entstand eine Sammlerkultur, bei der privater Kunstbesitz mit der Verpflichtung zum öffentlichen Engagement mittels Schenkungen an die Museen einher ging. Die Kooperation von Sammlern, Museumsdirektoren und Kunstkritikern steht in engem Zusammenhang mit den kulturellen Reformbestrebungen um die Jahrhundertwende. Das Sammeln von Kunst war ein wirkungsvolles Medium gesellschaftlicher Integration für die wohlhabenden Bürger, die danach strebten, sich gegenüber dem alt eingesessenen Adel, Offizieren und Staatsbeamten zu behaupten. Kunstsammlungen boten gute Möglichkeiten zum Kontakt zwischen sonst getrennten gesellschaftlichen Gruppen.

In einem 1916 verfaßten Nachruf über Adolf von Beckerath ist zu lesen, "dass Beckerath schließlich als eine Art weiser Goethe unter der letzten Sammlergeneration umherging. Mit Ehrfurcht bestaunt wegen seiner schier unerschöpflichen Schätze". Wir können stolz auf unseren Verwandten sein, an den die Sponsorentafel in der Berliner Gemäldegalerie noch heute erinnert.

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Literatur:
* Versteigerungskatalog Nachlass Adolf von Beckerath, Rudolph Lepke's Kunst-Auctions-Haus, 1916.
* Kunstsinn der Gründerzeit - Die Sammlung Adolf von Beckerath von Schulze Altcappenberg, Bevers, Roth, Thimann, Schlichting, Eisenlöffel, GH-Verlag Berlin, 2002, ISBN 3-931768-70-8

Text und Bilder aus einem Vortrag von Frau Dr. Astrid von Beckerath, geb. Framheim, Hamburg, gehalten anlässlich des 10. von Beckerath'schen Familientages am 17. Mai 2008 in Krefeld.