Viele Vorfahren von uns sind schon vor langer Zeit ausgewandert oder haben längere Geschäftsreisen unternommen, die in den Immigrationskarteien der Überseeländer dokumentiert wurden.

 

Hier einige Beispiele aus der New York Passenger List 1820-1957:

Name Geboren Ankunft Schiffsname Von
D. von Beckerath 1860 09.01.1885 Waesland Antwerpen
Emmy von Beckerath 1880 26.04.1905 Kronprinz Wilhelm Bremen
Oskar von Beckerath 1878 20.10.1908 Großer Kurfürst Bremen
F. William von Beckerath 1891 11.03.1913 Rotterdam Rotterdam
Clara von Beckerath 1867 14.04.1914 Rotterdam Rotterdam
Helmut von Beckerath 1893 26.04.1925 Rotterdam Rotterdam
Wilhelm von Beckerath 1891 07.02.1926 Albert Ballin Southhampton
Helmut P.G. von Beckerath 1893 24.04.1926 Rotterdam Rotterdam
Herbert von Beckerath 1886 26.06.1926 Albert Ballin Boulogne
Joachim von Beckerath 1906 22.04.1927 Rotterdam Rotterdam
Helmut von Beckerath 1893 09.01.1929 Arabic Antwerpen
Wilhelm von Beckerath 1890 21.10.1929 Berlin Bremen
Wilhelm von Beckerath 1891 23.08.1930 New York Hamburg
Herbert von Beckerath 1886 31.07.1931 Albert Ballin Cherbourg
Helmut P.G. von Beckerath 1894 13.01.1932 Bremen Cherbourg
Herbert von Beckerath 1886 03.08.1932 Europa Cherbourg
Herbert von Beckerath 1886 27.08.1933 General v. Steuben Boulogne
Herbert von Beckerath 1886 24.09.1934 General v. Steuben Bremen
Herbert von Beckerath 1886 16.09.1935 Bremen Bremen
Herbert von Beckerath 1886 10.09.1937 Europa Bremen
Guelda H. von Beckerath 1895 10.09.1937 Europa Bremen
Herbert von Beckerath 1886 19.12.1948 Nieuw Amsterdam Rotterdam
Guelda H. von Beckerath 1895 19.12.1948 Nieuw Amsterdam Rotterdam
Herbert von Beckerath 1886 27.08.1951 De Grasse Le Havre
Wilhelm von Beckerath 1925 29.04.1952 America Bremerhaven
Herbert von Beckerath 1886 09.08.1952 Nieuw Amsterdam Le Havre
Paul G. von Beckerath   15.04.1954 -per Flugzeug- Frankfurt
Rudolf von Beckerath   18.02.1957 -per Flugzeug- Hamburg
Veronica von Beckerath   03.03.1957 Maasdam Rotterdam


Quelle: www.ancestry.com


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Reisebericht in Form eines Briefes einer Passagierin des Auswandererschiffes "Hermann von Beckerath" an die Ehefrau des Kapitäns.

 

Niedersächsisches Staatsarchiv Stade Rep.302.2. Nr.11 (01-18)

 

Ihre Wohlgeboren der Madame Kahle,

 

Um Ihnen zu erklären, wie ich dazu komme, mich in so erstaunlichen Tone an Sie zu wenden, muß ich Ihnen erzählen, dass ich es im Auftrage Ihres Herrn Gemahls thue, der mich nämlich bat, Ihnen das Leben und Treiben unserer Reisegesellschaft zu beschreiben, da es ihm selbst an Zeit gebräche, für Sie, wie auf früheren Reisen geschehen, ein Tagebuch zu schreiben. So gern ich nun auch dem ausgesprochenem Wunsche folge, so muß ich Sie doch recht sehr um Nachsicht bitten; theils wegen meiner Freimüthigkeit, theils aber auch wegen der Mangelhaftigkeit meiner Erzählungen, wobei ich mich wohl damit entschuldigen darf, dass ich fast ein andres schreiben kann, als wenn mehrere Personen sich während dessen laut und eifrig über verschiedene Gegenstände unterhalten, so dass man seine Gedanken unmöglich beisammen haben kann, und dann wird es Ihnen auch noch schwer werden das Geschriebene lesen zu können, da das Schwanken des Schiffes ununterbrochen sich gleich bleibt, wodurch die Gewandheit jeder Bewegung, also auch die des Schreibens leidet. Zu Ihnen aber, liebe Madame Kahle, habe ich in den paar Tagen, dass ich das Vergnügen hatte Sie zu sehen, solches Zutrauen gewonnen dass ich es, ungeachtet aller Bedenklichkeiten, demnach wage, Ihnen diese Blätter zu schicken, in der Voraussetzung, dass es Ihnen lieb sein werde, von den Passagieren des Beckerath am meisten aber von Ihrem Herrn Gemahl zu hören, und ich werde mich daher bemühen, Ihnen solche Scenen und Gespräche mitzutheilen, worin unser guter Kapitain die Hauptrolle gegeben hat. Dass die Reisegesellschaft sehr bunter Art ist, haben Sie schon selbst bemerken können, und ich kann nur noch hinzufügen, dass einige Leute, während des Saalabends eine ganz andere Außenseite zeigen, als am Anfange der Reise. Aber auch hierin kann ich allerdings nur ein einseitiges Urtheil fällen, und ich bitte Sie, sich deswegen noch besonders an Ihren Herrn Gemahl zu wenden, wenn er einst zurückgekehrt sein wird, da es sich dann vielleicht herausstellen wird, dass ich Menschen zu scharf oder zu milde beurtheile. Soll ich indessen ungehemmt schreiben können, so muß ich so berichten, wie ich alles vorgefunden und in mich aufgenommen habe. Doch genug der Vorrede, und jetzt zur Beschreibung, wenn auch nicht jedes einzelnen Tages, doch wenigstens von dem Augenblicke an, als Sie uns verließen.
 

Als Sie uns am 26sten Juli verlassen hatten, wendete ich die nächsten Augenblicke dazu an, Ihnen noch einen schriftlichen Gruß zu schicken, da ich nicht persönlich Abschied von Ihnen genommen hatte, und bald darauf erschien Ihr Herr Gemahl am Eingange der Kajüte mit einem scheinbar heiteren Gefühle, um der Gesellschaft Ihre letzten Grüße zu bringen. Wer ihn so ansah, ohne weiter  dabei nachzudenken, hätte meinen können, dass er ein recht gleichgültiger Mann sei, der eben von einer geliebten Frau Abschied nehmen, und jetzt schon so heiter sein könne. Wer aber Ihren lieben Mann genauer beobachtete, (und ich gestehe, dass ich es that, da ich ihn gern näher kennen lernen wollte,) der sähe durch diese Gleichgültigkeit die Trauer des Herzens, durch das kalte Lächeln, die schwer unterdrückten Thränen schimmern. Es ergriff mich tief, als der Kapitain mir nachher viel von Ihnen, und seiner stillen, glücklichen Häuslichkeit, so wie mit großer Freude vom kleinen Töchterchen erzählte; und ich bemerkte wie oft eine stille Thräne der Wehmuth sein Auge beschlich, und ich muß Ihnen, liebe Madame Kahle gestehen, dass ich von dem Augenblicke an, herzlichstes Vertrauen zu unserem Kapitain faßte. Er sah den ganzen Tag sehr angegriffen aus, und sagte  selbst, dass ihm der Muth zur Arbeit fehle, und ihm seine Hände wie machtlos gebunden seien. Nachdem der Morgen  so in trüben Erinnerungen und banger Stille vergangen, da  wohl allen das Gefühl des Abschiedes näher gerückt  war, wurden um halb zwei Uhr die Anker gelichtet. Für  mich hatte der Matrosengesang etwas unbeschreiblich Wehmüthiges, besonders im Augenblicke des Scheidens von der  Heimat, und ich weinte mich recht aus, dazu ward meine Stimmung noch melancholischer dadurch, dass gerade in Gestendorf  die Glocken läuteten, was einen recht düstren Eindruck auf das Gemüth machte. Am Morgen glaubten wir auch  Sie und Ihre Freundinnen am Ufer gesehen zu haben, und  besonders Herr v.V. war außer sich vor Entzücken, da er  behauptete, die kleine Amerikanerin noch einmal durch  das Fernrohr bemerkt zu haben.  Nach Tische, um halb zwei Uhr, gingen wir fort, und um  halb fünf Uhr erschien uns Bremerhafen nur noch  wie eine Linie am Horizont. Halb sieben Uhr gingen  wir vor Anker, und sahen Abends an der einen Seite das Leuchtfeuer von der Bremer Baake und von der anderen das Feuer auf Neuwerk. Des andren Tages konnten wir des widrigen Windes halber nicht vom Flecke, dazu kam nun die erhöhete Beweglichkeit des Schiffes, was sofort zur Folge hatte, dass nicht allein alle anwesenden Damen, sondern wohl auch die Hälfte der Herren seekranck wurden, und schon bei Tische mehre derselben fehlten. Ich hielt mich an dem Tage wunderbarer Weise noch aufrecht, und konnte allein noch zur Zubereitung des Gemüses helfen. Des andern Morgens früh, als am 28sten Juli ging es weiter, da wir starken Wind hatten, und der Lootse verabschiedete sich noch vor dem Frühstücke von uns. Bei dem Frühstücke aber waren nur wenige Personen zugegen. Der Kapitain kam nicht mehr hinunter, als er mich führte, da das Schiff fürchterlich schief lag. Ich frühstückte auch mit, doch da mußte auch ich mich in meine Coje legen, und die Seekrankheit zwei Tage lang recht ordentlich durchmachen. Ich aß und trank während der Zeit nicht, was mir unendlich viel besser bekam als den Damen, die sich von den gefälligen jungen Herrn, alle halbe Stunde eine andere Erquickung reichen ließen, sei es nun Brausepulver, Selterwasser, Wein, oder Himbeeressig. Alle, die sich so bedienen ließen, wurden immer kränker, während ich in Stande war, am zweiten Abend schon wieder aufs Verdeck und am Tische zu erscheinen. Überhaupt habe ich die Bemerkung gemacht, dass Mäßigkeit in Bezug auf Speise und Trank auf der See, das sicherste Mittel ist, sich gesund zu erhalten. Man darf zwischen den drei Mahlzeiten Nichts genießen, und hat dafür den Vortheil, dass es dann noch einmal so schön schmeckt. Mir wenigstens hat nie am Lande der Thee so vortrefflich geschmeckt, wie hier des Abends um sieben Uhr, da es sich dann aber auch zuweilen ereignet, dass ich schon durstig vom Mittagstische aufgestanden, sechs bis sieben Stunden darauf gehofft habe. Freilich hat mir der Kapitain gesagt, wenn ich Bier oder dergleichen gern trinken wolle, so möchte ich es ihm auch sagen, aber das unterbleibt doch. Ich möchte Ihnen nun nicht gerne ein Bild von der allgemeinen Seekrankheit hier von Bord machen weil es sehr unerquicklicher Art sein würde, auch ist es ja nicht recht, über die Leiden Anderer zu lachen, aber das konnte ich nicht halten, es sehr lächerlich zu finden, wenn unsre süßlichen jungen Herren sammt ihrer Erkohrenen, trotz alles Sträubens doch der Natur nicht trotzen konnten, und jämmerlichen Angesichtes ihre Herzensergießungen der See zuwenden mußten, während sie sich in den Zwischenräumen, des Besserbefindens uns vom Abendroth und Nachtigallscenen unterhielten. Ich bin überzeugt, auch Sie  hätten diese Scenen mehr komisch als tragisch gefunden, besonders  als nach einigen Tagen sämmtliche Damen von den ihnen verwandten  und befreundeten Herren aufs Verdeck gebettet wurden, so dass  die Matrosen, um das Schiff wenden zu können, kaum über die Betten wegsteigen konnten. Einer aber lachte aber nicht darüber, und das war unser Kapitain, der nach und nach in eine gereizte Stimmung kam, wozu die sich entwickelnde Anmaßung einiger Kajütenpassagiere viel beitrug. Besonders Dr. B. und seine Frau nahmen sich viel heraus was ihnen nicht zukam, und klagten über Mängel und Unbequemlichkeiten der Reise auf eine sehr unverständige Art. So setzten auch sämtliche Damen es fort, auf dem Verdecke essen und trinken zu wollen. Der Kapitain (an dessen linker Seite ich seit der Seekrankheitsrevolution sitze, weil ich in der Zeit gewöhnlich mit zehn bis fünfzehn Herren allein zu Tische saß.) ersuchte es recht verblümt seine Unzufriedenheit mit dieser Anordnung erkennen zu geben, doch als es nicht half, sagte er gerade heraus, dass es ihm unangenehm sei, und er es nicht lange mehr dulden werde. Da kamen den alle Abwesenden allmählich wieder herunter, aber des Kapitains Zufriedenheit war dadurch allein noch nicht wieder hergestellt, da es ihn verdroß, so manche unnütze Klagen zu hören, als zum Beispiel, nun eine der Damen bedauerte, dass sie ihren schönen Brunnen, und eine andere, dass sie ihre helle geräumige Schlafstube nicht habe mitnehmen können. Die Doctorin B. saß oft und weinte, und gerade sie mochte der Kapitain am wenigsten, da er glaubte dass sie sich einbilde, dass alle Welt ihr huldigen müsse, worin sie sich gewaltig irre. Aber doch, (und das nahm ich Ihrem Herrn Gemahl so sehr gut auf,) schwieg er mit ernster, mißbilligender Mine, als in der Zeit, am Tische das Gespräch auf Stiefmütter kam, und die ganze Gesellschaft einstimmig ausrief, dass eine Stiefmutter etwas Schreckliches sein müsse. Hernach, das muß ich Ihnen auch noch verrathen, hat der Kapitain die Herren gebeten dergleichen anzügliche Gespräche nicht wieder zu führen.
 

Am Sonntage den 1sten August, entstand eine große, an Unzufriedenheit grenzende Niedergeschlagenheit darüber, dass es nicht, wie am ersten Sonntage, Nachmittags Kaffe gab. Ich versuchte es, in der ersten Zeit die Leute zu besänftigen oder wenigstens wenn Alle wider diese oder jene Anordnung sich aussprachen, auch etwas dafür zu sagen, da ich nicht allein den Unfrieden gram bin, sondern es auch höchst ungerecht finde, wen so viele Personen insgesamt über Einen herfallen zu dem sie doch nicht den Muth haben, sich ihm gegenüber über die Sache zu verständigen. Aber es gelang mir nicht allein nein, sondern ich zog mir noch überdies viel Unangenehmes zu da die Leute nun glaubten, dass ich dem Kapitain das Wort redete, und sich noch dazu einbildeten, dass ich ihm das weiter anbrachte, was sie in meiner Gegenwart absichtlich sagten, damit ich es ihm wiedersagen sollte. Dass ich davon nun ausdrücklich keine Notiz nahm können Sie sich denken, denn das wäre der geradste Weg zur Zwietracht gewesen; aber Sie können mir auch glauben, dass ich manche unangenehme Stunde dadurch gehabt habe, und immer war Herr v.V. derjenige, welcher sie mir bereitete. Später mehr davon.
 

Am zweiten August hatten wir kurz vor dem Essen einen sehr unangenehmen Auftritt im Zwischendeck, der, obgleich alles gut ging mich doch an allen Gliedern erzittern ließ. Ich weiß nicht, ob Sie sich eines albernen Schneiders erinnern, mit dem die Matrosensich schon auf der Bremer Rhede den Spas machten, ihn in ein leeres Pökelfleischfaß zu stecken. Dieser Schneider hatte sich nun auf irgend eine Art im Zwischendeck unnütz gemacht, und geäußert sie wollten nur drauf schlagen, denn sie seien ja doch bedeutend stärker als die Mannschaft. Es entstand ein Lärm, und der Kapitain ward gerufen. Ich war in der Kajüte, und ward durch das Laufen und Schreien aufmerksam, und begab mich erschreckt aufs Verdeck, wo ich mit tausend Ängsten sah und hörte, wie der Kapitain mit Donnerstimme dazwischen fuhr. Er hatte, wie die Andern erzählten den Schneider flugs bei der Kehle gepackt, und ihn auf die Erde werfend das Knie auf die Brust gesetzt. Der Steuermann und einige Matrosen standen dicht gedrängt hinter dem Kapitain, doch brauchten sie ihm nicht zu helfen, da er ganz allein fertig ward. Ich stand, wie ich schon erwähnte, auf dem Verdeck und bebte, nicht darum, dass ein Aufruhr kommen könne, sondern einzig und allein, weil ich fürchtete, dass dem Kapitain der Ärger und die Anstrengung schaden könnte, da es mir scheint, als ob Gemüthsruhe seiner Gesundheit nothwendig sei. Gleich darauf wurde gegessen, doch war es uns nicht möglich, die wunderschöne Erbsensuppe zu genießen, da der Schrecken mir noch im ganzen Körper saß. Der Schneider erschien gegen Abend wieder auf dem Vordeck, mäuschenstill, und in andrer Toilette, da der Kapitain den Morgenputz etwas gestört haben sollte. Des Nachmittags ward Brot an die Zwischendecksleute ausgetheilt, für eine ganze Woche, wozu sich auch manche Zuschauer einfanden.
 

Am 3ten August waren wir im Canal und Mittags bei Dover. Es war uns Allen sehr interessant, die englische Küste so in der Nähe zu sehen, und der Kapitain forderte von den Damen einen Knix, da er nur ihrethalben so nahe am Lande fahre. Es war an dem Tage himmliches Wetter, was uns noch recht erinnerlich ist, obgleich es schon fast drei Wochen her ist, da wir heute schon den 21sten August schreiben, und schon mehrere hundert Meilen weiter von Deutschland entfernt sind. Das Wasser war ruhig wie ein Spiegel, und obgleich das Schiff nur, durch ungünstigen Wind bedingt, laviren mußte, so war die Fahrt doch wie eine Lustfahrt, und diese Annehmlichkeit währte einige Tage. Freilich kamen wir auf diese Weise nicht viel weiter, aber diese Verzögerung hatte auch wieder insofern ihr Gutes, als sich dadurch sämtliche Passagiere, Fräulein H. und Herr D. ausgenommen, von ihrer Krankkeit erholten. Noch habe ich vergessen Ihnen mitzutheilen, dass wir in der ersten Nacht, die wir auf der Nordsee zubrachten eine kleine Sturmprobe zu bestehen hatten, so dass selbst der Kapitain, es einen harten Anfang nannte, und sich freuete, dass der Beckerath sich in dem Sturme so gut gemacht habe. Der Steuermann nannte es freilich nur eine gute Brise, aber der Kapitain hat noch neulich gesagt, dass er hoffe, dass wir während der Reise keine solchen Unwetter wieder haben würden.
 

Von den Befürchtungen der Andren habe ich während der Zeit wenig erfahren, ich selbst aber kann wohl sagen ich mich in jener stürmischen Nacht geängstigt habe, doch nicht so sehr und wenn ich auch wohl daran dachte, wie unsicher es sei, bei solchem Wetter auf schwankem Schiffe dem Meere preisgegeben zu sein, und mich mit dem Gedanken an ein Unglück bekannt machte, so legte ich mich doch ziemlich ruhig zu Bette, und schlief auch mit Unterbrechungen ruhig, wozu wohl eines Theils die geistige Abspannung beitrug, andrerseits aber auch für mich ein großer Trost darin lag, dass ich während ich wachte, immer die kommandierende Stimme des Kapitains hörte, dessen Umsicht und Schutz ich mich, nächst dem unsres himmlischen Vaters ruhig hingab.
 

Im Kanal blieben wir vom 3ten, bis zum 13ten August worüber Ihr Herr Gemahl mit seiner Ungeduld in halbe  Verzweiflung gerieth. Das Laviren nahm während dessen gar kein Ende, und sehr häufig hörte man „Klarto wende" dem  dann auch das immer verhängnisvolle Ree mit seiner unangenehmen Bewegung folgte. Zwei Nächte lang ein undurchdringlicher Nebel über dem Kanal, so dass man die Schiffe,  deren es dort so viele giebt, nicht eher sehen konnte, als  bis sie nahe bei einander waren. In diesen Nächten hat mich Ihr Herr Gemahl unbeschreiblich gedauert, denn nicht daran dachte ich allein, wie er in Kälte und Nässe für uns wachen mußte und fast keine Ruhe hatte (in einer Nacht hat er auch zwei Stunden angekleidet auf dem Bette gelegen) sondern das tat mir so Leid, dass er selbst die Verantwortung so tief fühlte, die ihm durch die Führung des Auswandererschiffes auferlegt war, was ihn vollends aufregte und angriff. Aber gewiß, liebe Madame Kahle, ich habe Gott recht herzlich gebeten Ihrem lieben Manne seinen Schutz zu verleihen, und das nicht nur unsretwegen, sondern auch aus inniger Dankbarkeit gegen ihn, der so freundlich und liebevoll gegen uns Alle ist.
 

In der ersten Nacht dachte ich mir die Gefahr mit einem anderen Schiffe zusammen zu stoßen recht groß, da der Kapitain auch, zum Zeichen der anderen Schiffer, der Dunkelheit wegen von Zeit zu Zeit blasen ließ. Ich legte mich die erste Nacht angekleidet nieder, und erwachte etwas beschämt über meinen Kleinmuth, da die Gefahr vorüber war, weshalb ich auch in der zweiten Nacht, obgleich sie eben so gefahrvoll war, diese Vorsicht nicht wieder gebrauchte. Wenn ich in der Nacht erwachte, und hörte dann die Matrosen singen, so dachte ich auch, wenn wirklich Gefahr da wäre so würden sie nicht mehr so herzhaft singen, obgleich später einige Herren sagten, es habe ihnen der Gesang als ein Schreien der Verzweiflung geklungen. Wie sehr kömmt es doch darauf an, wie man die düstern Eindrücke in sich aufnimmt, was den Einen beruhigt, erregt den Anderen. Befürchtungen, und selbst auf eine Person, macht eine und dieselbe Sache einmal einen wehmüthigen, und ein andermal einen tröstlichen Eindruck.
 

Am 10. August hatten wir wieder sehr unangenehmes Wetter. Ich fühlte mich auch wieder unwohl, und setzte mich deshalb aufs Verdeck, wo ich des Regens und Windes halber aber bald mit dem Steuermann, und dem Mann am Steuer allein war. Es wehete so stark, dass ich mich mit beiden Händen fest halten mußte, und auf dem Verdeck war es so naß, dass selbst die Matrosen rutschten und fielen. Das Schiff lag so schief, dass der Handtücher, wenn sie an der Wand hängten, unten wohl fast eine Elle breit von der Wand hängten, und als der Kapitain mir bei Tische ein Glas halbvoll Bier schenkte, und es auf den Tisch setzte, so füllte der Inhalt des Glases sich an der einen Seite bis zum Rande. Herr S. meinte, wenn wir an unserer Seite unten lägen, so ginge es nach Louis Philipp, und wenn B...s unten lägen ginge es auf einen Besuch zur Victoria. Mittags ereignete es sich häufig, dass mehrere Personen zugleich nach einer Seite rutschten, und jeder mußte seinen Teller, besonders wenn er mit Suppe gefüllt war, in der Hand halten, weil sonst nichts darauf geblieben sein würde - Um einen etwas sicheren Standpunkt zu haben, ließ der Kapitain Querleisten unter den Tisch nageln, damit man die Füße dagegen stemmend, auf seinem Platze sich halten könne. Anfangs  ist nun solche Unbequemlichkeit im sitzen, stehen, gehen und  liegen höchst störend, aber man gewöhnt sich doch recht balddaran, und ich konnte bald, trotz dem, dass ich ganz schräg stand, mit Sicherheit des Mittags die Suppe mit ausgeben helfen, und erlernte es leicht, Etwas tragend, das Gleichgewicht zu halten.
 

Auch die Doctorin B. ging während des ungestümen Wetters, mit ihrem Kindchen auf dem Arme, sicheren Schrittes einher, was wirklich nicht leicht war. Der Kapitain meinte, wenn Sie, liebe Madame Kahle, einmal eine solche Wirthschaft mit ansähen, als unser Mittagsmahl des 10ten August, so würde Ihnen alle Lust vergehen eine Seereise mitzumachen. Ich aber möchte als gewiß annehmen, dass solche Übelstände Sie keineswegen davon zurückhalten würden, und wenn ich mir erlauben darf, Ihnen zu rathen, so reisen Sie ja das nächste Mal mit Ihrem lieben Manne, da die Sorgen und Last welche Sie vielleicht auf der Reise haben können, gewiß, den Gram und Kummer nicht zur Hälfte aufwiegten, den Sie, alleine in der Heimat bleibend, unvermeidlich empfinden, wenn Sie Sich auf so lange Zeit von Ihrem Manne trennen müssen, und noch dazu den Gefahren allein preisgegeben glauben, die Sie viel lieber mit ihm theilten. Ich kenne das bange Gefühl aus Erfahrung, die Seinigen auf der See zu wissen, und erfahre jetzt, dass es lange nicht so schlimm ist, selbst der Gefahr in das Auge zu sehen, als seine Lieben darin zu wissen. Dann aber wird es Ihrem Herrn Gemahl das Leben ungemein erleichtern, wenn Sie mit ihm reiseten, denn obgleich er dann auch für Sie manche Sorge, Ihrer Bequemlichkeit halber haben würde, so würde er doch unbeschreiblich glücklich sein, wenn er Sie nur bei sich hätte, und in den Erholungsstunden von der Arbeit in Ihren liebevollen Umgange Erquickung und Trost fände. Noch gestern Abend als wir bei schönem Wetter, nach dem Abendbrot auf dem Verdeck waren, sagte Ihr Herr Gemahl, wie glücklich er sich fühlen würde, wenn Sie nur diesen Abend mit hier wären, und ich muß sagen, es that mir unbeschreiblich Leid, dass sein Wunsch nicht erfüllt werden konnte. Verzeihen Sie mir, liebe Madame Kahle, dass ich mich unterfange, unberufener Weise, mit meinem Rath mich Ihnen zu nähern, und sein Sie mir nicht böse, dass ich, die Förmlichkeiten unbeachtet lassend, annehme, dass Sie mir auch ein bischen gut sind. Hätte ich fremd und steif gegen Sie bleiben sollen, so hätten Sie nicht so freundlich gegen mich sein müssen, und Ihr Herr Gemahl müßte mir nicht so oft mit so herzlicher Liebe von Ihnen erzählen, was unmittelbar zur Folge hat, dass ich Sie wie meine Freundin betrachte und in Folge dieser Freiheit meinerseits bitte ich Sie, mir die große Freude zu machen, nur auch einmal nach Adelaide zu schreiben, wofür ich Ihnen sehr dankbar sein würde, da ich mich  recht danach sehnen werde, später von Ihnen zu hören.  Wie gern gäbe ich Ihnen nur ein recht anschauliches Bild von dem  Leben und Treiben der hier anwesenden Gesellschaft, doch ist meine  Feder nicht geübt genug ein solches zu erfassen, das ein tieferes  Eingehen in die Verhältnisse jedes Einzelnen dazu gehört, indem die  Gesellschaft aus zu verschiedenen geistigen Elementen besteht, woraus  gerade die verschiedenen Interessen, und der daraus entstehende Handlungsweise hervorgehen. Auch herrscht bei bei vielen Leuten der  Gedanke vor, dass hier jeder für sein Geld sich so viele Freiheiten herausnehmen müsse, als irgend möglich sei;  und Sie  können sich denken, wie störend solche Gesinnungen auf die Harmonie  des Ganzen einwirken. Wir haben auch wegen Nachlässigkeit  und Rücksichtslosigkeit einzelner Personen schon allerlei unangenehme Auftritte gehabt, wovon ich Ihnen doch Einiges mittheilen muß.
 

Ich weiß nicht, ob Sie bemerkt haben, dass zwei  unserer Herren mit hochroth wollenen Hemden, statt mit leinenen die Reise antraten. Es war Dr. B. und Herr F. aus P.  diese, sehr unappetitliche Tracht, schien den Herren so an das Herz  gewachsen zu sein, dass Dr. B. dieselbe drei und eine halbe Woche trug  während Herr F. sich sogar vier Wochen nicht davon trennen konnte  und auch dazu mußten beide Herren erst vom Kapitain, die Unmanierlichkeit und Liebenswürdigkeit ihrer Tracht vorgehalten werden. So ereignete es sich eines Morgens, dass (nachdem der Kapitain schon mehrere  Tage verblümt, und doch recht verständlich, auf die Nachlässigkeit  Einzelner im Allgemeinen hingewiesen hatte, und besonders den  Schlafröcken und langen Barten das Verdammungsurtheil gesprochen  so wie auch bei Tische sich ungünstig über die Mützen geäußert  hatte, dass der Kapitain also eines Morgens sich mit schlecht  verhaltenem Grimme zu Tische setzte, und vor Ärger Nichts aß, Sie können  sich denken, wie wohl mir dabei ward, da ich ja jeden Augenblick  fürchtete, dass nun eine Scene losbrechen werde, da Herr Doctor B. im zerissenen Kattun-Schlafrock, mit einer abscheulichen,  roth wollenen Mütze auf dem Kopfe und dem schönen rothen  Hemdkragen und eben solchen Manschetten, mit beiden Armen  auf dem Tische liegend, seinen Kaffe schlürfte, was ihm, seines  entsetzlichen Bartes halber wohl nicht ganz leicht ward. Ich  bat den Kapitain, der schon laut geäußert hatte, dass er vor  Ärger bebe, leise, er solle sich doch mäßigen, doch hoffte ich  kaum, dass es so gut gehen werde, da er mir halblaut antwortete, dass er sich nicht lange mehr halten, sondern Dr. B.  vor der ganzen Gesellschaft zu Rede stellen werde. Ich bat  wieder, mit der Zurechtweisung, die gewiß sehr heilsam sei, nur so  lange zu warten, bis sie unter vier Augen geschehen könne, und  es entstand nun eine peinliche Stille, ähnlich wie bei dem Herannahen  eines drohenden Gewitters. Man sah aus des Kapitains zorn  flammendes Gesicht, und hörte nur das fatale Schlürfen des  Kaffes. Nach und nach entfernten sich alle Anwesenden, und ich war keine der Letzten. Der Kapitain blieb wie festgebannt auf dem Sopha sitzen, während Dr. B. ihm gegenüber, scheinbar gleichgültig auf der Medicinkiste in einem Buche blätterte. Nach kurzer Zeit kam der Kapitain etwas unzufrieden aufs Verdeck, und erzählte, wie Dr. B. ganz kleinlaut sich entschuldigt habe, dass er nicht gewußt hätte, dass dergleichen nicht passend sei, und dass der Kapitain es ihm nur früher hätte sagen sollen, worauf der Kapitain ihm geantwortet hatte, dass er von ihm gerade angenommen habe, dass er es am allerbesten wisse, was sich in anständiger Gesellschaft schicke oder nicht.
 

Sie kennen Ihren lieben Mann, Madame Kahle. Es war ihm nur halb recht, dass der Doctor so kleinlaut gewesen, und ihn dadurch entwaffnet hatte, da er ihm nun nicht seine Meinung so unumwunden hatte sagen können. Das aber hatte er sich doch noch verbeten, dass Doctor B. des Nachts nicht im rothem Hemdem, dem er denn nur noch ein einziges Kleidungsstück zu zugesellen pflegte, sich in der Kajüte, statt in seiner Koje schlafen legte, worüber sich schon mehre Damen beschwert hatten. Doctor B. versprach wie ein Kind und hielt wie ein Mann, denn es war noch keine halbe Stunde vergangen, so erschien er, zur Freude Aller, wohl geputzt und frisirt, im Oberrock, und ein hübsch blau gestreiftes Hemde, das von dem schönen Knoten eines schwarz seidenen Halstuches gehalten ward, auf dem Verdecke, und was die Freude vollständig machte, war dass er hübsch rasirt, sein Räuberaussehn verloren hatte. Alles auf des Kapitains Anordnung, obgleich Dr. B. versichert hatte, dass er sich nicht rasiren könne, und auch Niemand wisse, der bei ihm dieses Amt übernehmen könne. Gestern nun erzählte mir zu meiner Belustigung, der Obersteuermann, dass er Herrn Dr. B. rasire, und Herrn F. frisire, wofür er sich jedesmal eine Flasche Wein verdient habe. So wie nun Scherz und Ernst im Leben auf einander folgt, so möge es auch in meiner Beschreibung sein, und da ich Gottlob sagen kann, dass jetzt nicht allein eine recht gute Stimmung an Bord herrscht, sondern auch der Gesundheitszustand sehr gut ist, so hoffe ich, wird es Sie nicht bekümmern, wenn ich Ihnen auch erzähle was für Sorgen uns quälten, während wir noch in der Nordsee und im Kanal waren.
 

Sie werden sich erinnern, dass das Kind welches auf der Rhede starb, von dem Arzte für ein Frieselkrankes erklärt ward. Ob es nun wirklich Frieseln waren, wage ich nicht zu bestimmen; so viel ist aber gewiß, dass es ein ansteckender Hautausschlag gewesen, was zur Folge hatte, dass die drei jüngsten Kinder des Dr. B., die beiden Neumanns, und die beiden kleinsten Sobels die Krankheit bekamen, dann noch viele im Zwischendeck. Die kleinen Sobels und der kleine B. lagen in der Kajüte, und nach einigen Tagen, hatte Herr v.V. auch die Frieseln, und mußte eine halbe Woche, unter ärztlicher Behandlung in seiner Koje bleiben, was ihm wohl recht schwer geworden sein mag, besonders da er heftiges Fieber mit starken Phantasien hatte. Seine Schlafkameraden wachten abwechselnd bei ihm, und eines Nachts schliefen auch zwei der Herren in der Kajüte, da sie es in der Koje bei v.V. nicht aushalten konnten. Aber es ging mit Herrn v.V. so wie mit den Kindern der Kapitalgesellschaft über Erwarten gut, obgleich bei dem kleinsten Sobels noch eine Art Bräune dazu kam, so dass ich einen Abend nicht glaubte, dass der kleine Emil den nächsten Morgen noch erleben werde, da das Kind keinen Laut mehr von sich geben konnte. Auch hatte unser würdiger Arzt der Mutter gleich gesagt, mit dem Kinde sei es zu Ende. Aber danach hielt Gott seine schützende Hand über dieses Kind, und ließ es genesen. Dasselbe Kind war wenige Tage früher vom Verdeck herab in die Kajüte auf den Tisch gestürzt, ohne sich im Geringsten zu beschädigen.
 

Nicht so gut ging es aber im Zwischendeck, wo in zwei Tagen hinter einander zwei Kinder starben, von denen das eine schon acht Jahre alt war. Die kleinen Leichen wurden dann Tag über seitwärts in ein Boot gelegt, und so gering war das Interesse der Kajütenpassagiere, dass kaum danach gefragt ward, wann und wie man sie zur Ruhe bestattete. Einen bedenklichen Kranken hatten wir auch noch im Zwischendeck, es war der junge Lind, im Gefolge des Herrn Sobels. Dieser junge Mann hatte die Seekrankheit im hohen Grade, und dazu wohl etwas Heimweh; was ihn aber vollends krank machte, waren die Medicamente welche er bekam, wozu man noch rechnen konnte, dass er oft sehr undienliche Sachen zur Erquickung bekam, da sich viele Leute für sein Befinden interessirthen, und ihm die verschiedenartigsten Dinge schickten. Der Arzt erklärte seine Krankheit sogleich für ein bösartiges Nervenfieber, doch glaube ich nicht, dass es so schlimm war, und halte es für ein leichtes gastrisches Fieber. Jetzt erholt sich Lind aber ganz und gar, zur allgemeinen Freude, und man sieht es ihm recht an, wie wohl es ihm thut, dass der Kapitain ihm erlaubt hat, bei Tage auf dem Hinterdeck liegen zu dürfen. Herr Sobels benimmt sich ganz ausgezeichnet gegen ihn, da er ihn fragt und trägt, als sei es sein Sohn.
 

Sie können sich denken, wie der Kapitain durch die verschiedenen Kranken beunruhigt ward, und wie manche Suppe dafür gekocht werden mußte. Schon vom ersten Tage der Seekrankheit ward für uns Graupenschleim gekocht, der uns Alle sehr erquickte. Sonst ist der Koch aber gerade kein Künstler; er hat auch zu viel andere Dinge im Kopfe, um, wie es sich gehörte, auf sein Amt zu passen, und der Kapitain hat schon mehr als einmal nach der Küche müssen, um die Damen des Zwischendecks ausderselben zu vertreiben, die sich das Vergnügen machen, dem  Koch Gesellschaft zu leisten. Ein unglücklicher Bräutigam ist auch dabei betheiligt, der nämlich seine Braut auf seine Kosten  mitgenommen hat, und undankbarer Weise, nun seine Braut dem Koche hintennach gesetzt wird. Der Bräutigam kam nämlich  ganz bedrückt zum Kapitain, und äußerte, wenn das so fort  gehe, so könne der Koch auch das Passagegeld bezahlen, und er ziehe sich davon zurück. Auch ist ein Mann voll Todesfurcht im  Zwischendeck, Namens Schmidt, Sie werden sich seines erinnern  da er am Sonntag Morgen von der Rhede noch gerne an Land  wollte, und nicht durfte. Alle sind nun darüber aus, ihn zu  ängstigen, und der arme Teufel bringt mache Nacht, wachend  vor Angst, auf dem Verdecke zu, jeden Augenblick erwartend  dass das Schiff auf den Grund stieße. Eine besondere Erscheinung des Zwischendecks ist auch noch die Wolfenbüttler  Buchdruckertochter, Mechthilde Albrecht, hier die Schiffstante oder noch häufiger, die weiße Dame genannt. Über den  Werth oder den Unwerth dieses Mädchens zu urtheilen, enthalte  ich mich, soviel ist aber gewiß, dass sie Etwas darin sucht  sich auffallend zu benehmen. Im Anfange der Reise, war  sie kenntlich an ihrem Helgoländer Hute von gelben Crepp  jetzt hat sie sich aber einen Schäferhut genäht, den sie, ihn  schief, nach Schweizerart aufsetzend, einige Blumen beige,,  fügt hat, die nun, auf der hohen Seite des Hutes liegend  ihrer Frisur ein abendtheuerliches Ansehn geben. Die weiße  Dame sitzt fast den ganzen Tag singend im großen Boote  ihre Umgebung mit allerlei Kurzweil unterhaltend. Ein  Gutes hat sie aber, nämlich einen unausgesetzten Fleiß, sie  näht für die sämtlichen Passagiere Strohschuhe und Hüte  und selbst dem Kapitain hat sie schon aus Gefälligkeit  seinen glatten grauen Hut geändert, indem sie denselben  bedeutend kürzer gemacht hat. Sie müßten sehen, wie  wunderlich der Hut nun aussieht, gerade als ob er einem  englischen Kapitain gehöre, und wenn der Kapitain ihn nun  vollends so recht kühn in den Nacken hängend aufsetzt, so  ist es unmöglich nicht zu laufen. Im Zwischendeck sind aber  auch viele sehr anständige Leute. Leute, die still und  unbemerkt dahin leben, und auch wieder Andere, die  sich mehr bemerkbar machen. Da ist zum Beispiel der Bergmann Müller, ein junger Mensch, der mir gleich wegen  seiner Freiheit auffiel, und der sich des Abends jetzt zu uns  gesellt. Ferner ein Herr Schedlich, Madame Neumanns Bruder,  auch ein sehr gewandter und gebildeter Mensch, und dabei  ein guter Sänger. So viel wird aber doch nicht mehr ge„  sungen, als im Anfange der Reise, da der Kapitain es  nicht gern spät am Abend leidet, damit die Steuerleute  eines ruhigen Schlafes genießen können.
 

Endlich komme ich nun dazu, unsere Kajütenpassagiere Ihnen der Reihe  nach vorzuführen, doch muß ich Sie vorher bitten, nicht zuviel in dieser  Beziehung von mir zu erwarten, da ich schon selbst die Erfahrung  machte, seit ich hier an Bord bin, dass ich mich in meinem ersten  Urtheile betrog, und ich möchte Jedem, der sich rechte Menschenkenntnis erwerben will, rathen, eine Reise mit einem Auswandererschiffe zu machen, da man in der langen Zeit des Beisammenlebens mit Ruhe seine Umgebung studieren kann. Früher glaubte ich, dass man viel auf den ersten Eindruck rechnen  könne, den ein Mensch auf andere mache, aber diese Theorie trügt sehr oft, und um Ihnen sogleich ein recht gründliches Beispiel zu meiner Ansicht zu geben, werde ich damit beginnen, Ihnen von Dr. B. und seiner Frau zu erzählen, die das Sprichwort „Es ist nicht alles Gold was glänzt" vollkommen rechtfertigen. Als ich an Bord kam, dachte ich, und so ist es Mehre[re]n der Gesellschaft ergangen, dass Dr. B. ein feiner Mann, und ein liebenswürdiger Gesellschafter sei, und ich freute mich sehr über seine Anwesenheit da ich hoffte, dass ein solcher Mann viel dazu beitragen werde, die Gesellschaft fortwährend in gutem Humor zu erhalten. Einige Tage währte diese Stimmung auch, doch plötzlich änderte er sich auffallend, und fast möchte ich annehmen, dass das Pöckelfleisch den ersten Anfang machte, zum allgemeinen Mißvergnügen. Dr. B. ist nämlich ein Feinschmecker, und scheint nicht darüber nachgedacht zu haben, dass es an Bord keine frischen Gemüse und Braten gäbe. Nun fing er an am Tische saure Gesichter zu machen, und spitzfindige Reden zu führen. Die gute Laune war nun hin und er ward einsilbig und damit höchst langweilig. Wäre es nur dabei geblieben, so hätte man keine Notiz davon genommen, aber es ging weiter, und besonders die Doctorin ging mit ihren Ansprüchen in Bezug auf ihre kleinen Kinder so weit, dass Alle sich mit Recht mißbilligend darüber ärgerten. Freilich war sie zu bedauern, da sie sich immer mit dem Kinde tragen mußte, welches unaufhörlich schrie (mit ihrem Dienstmädchen entzweite sie sich in den ersten Tagen.) aber sie sorgte auch nicht mütterlich für den Kleinen, und klagte beständig über die Last ihn zu warten. Ihre übrigen Kinder ließ sie dann in die Kajüte kommen, und reinigte sie daselbst. Dann steckte sie sich auch hinter den Stewart ihn Allerlei heimlich zu gebieten, der Herr Gemahl desgleichen, und da dieses Ehepaar nun bei den übrigen Passagieren nicht in Gunst stand, so können ie denken, wie solche Dinge aufgefaßt und verrathen wurden, was nicht geschehen sein würde, hätten sie sich ihren Reisegefährten freundlicher gegenüber gestellt, denn im Grunde genommen hatten sich alle Nichts vorzuwerfen, da ich schon im Anfange der Reise bemerkte, dass an Bord durchgängig das falsche Prinzip herrschte, sich mit Bitten und Wünschen an den Steward zu wenden, und auf diese Weise, das heimlich zu gewinnen, was der Kapitain gern in manchen Fällen gewähren würde, wenn er darum ersucht würde. Mich ärgerte dieses Mißverhältnis, und ich konnte in der ersten Zeit nicht unter lassen, das zu bemerken; doch zog ich mir dadurch vielerlei Unannehmlichkeiten zu, und habe jetzt Schweigen gelernt, doch ist es soweit gekommen dass die Leute in meiner Gegenwart sich hüten, etwas zu sagen, was der Kapitain nicht hören dürfte, da Herr v.V. auf den Einfall gekommen ist, dass ich dem Kapitain erzählte, was in der Kajüte in seiner Abwesenheit gesprochen wird. Dass mir solche Gedanken nicht in den Sinn kamen, brauche ich Sie hoffentlich nicht zu versichern. Mir wird es am liebsten sein, wenn ein recht freundliches Verhältnis durchgängig herrschte, doch ist es unmöglich, wo das gegenseitigen Vertrauen fehlt. Einige Tage fühlte ich mich recht gedrückt, da Herr v.V. nicht aufhörte mich mit hämischen Bemerkungen, und spöttischen Reden zu verfolgen, obgleich er sich nie gradewegs an mich wendete, und immer wie auf einen Zauberschlag schwieg, sobald der Kapitain in seine Nähe kam. Theils entstand dieser Haß gegen mich aus den angegebenen Gründen, doch kam noch der Umstand hinzu, daß,da der Thee immer so stark war, dass man ihn nicht genießen konnte, und der Kapitain mit mir darüber gesprochen hatte, wieviel Thee jeden Abend gebraucht würde, dass der Kapitain mich darauf eines Sonntags Abends bat, in sein Logi zu kommen, und der Steward in unserer Gegenwart in den Kessel geben mußte nachdem ich gefragt worden, ob das Maß so gut sei. Wie ich gefürchtet, geschah es, dass der Steward dadurch gegen mich aufgebracht ward, und wie sich von solchen Leuten erwarten ließ, suchte er sich dadurch zu rächen, dass er mich bei den Anderen verleumdete als trage ich dazu bei, dass mit manchen Sachen sparsamer umgegangen werde, wie sie es wünschten. An Herrn v.V. fand er nun einen würdigen HelfersHelfer, und so machten sich dann die Leute eine Freude daraus mich indirect zu beleidigen, da sie es auf graden Wege nicht wagten, indem sie vermutheten, dass der Kapitain es nicht zugeben werde. Hätte ich nicht gefürchtet, dass die Erfindungsgabe des hanöverschen Lieutenants soweit gehen werde, dass er mich auch bei dem Kapitain anzuschwärzen wisse, so würde ich ganz darüber geschwiegen haben, doch das würde mich geschmerzt haben, und ich theilte es deshalb eines Abends Ihrem Herrn Gemahl mit, wie die Sachen standen. Er rieth mir, so fortzufahren, als bisher, nämlich zu thun, als ob die Bemerkungen mich gar nicht beträfen; sollten aber Herr v.V. und Consorten sich zu erlauben mich geradezu durch Worte zu beleidigen, dan werde er mich schon vertreten. Ich muß Ihnen gestehen, liebe Madame Kahle, dass mir recht leicht war, als ich dem Kapitain gesagt hatte was mich drückte, und ich hatte nur die Kraft noch eine Zeitlang zu ertragen, was, wie ich mit Recht voraussah, in sich selbst sich auflösen werden wenn die Leute daduch gelangweilt würden. Als ich dem Kapitain Abends mein Leiden geklagt, fiel andern Tages ein Gespräch von welchem ich Ihnen doch etwas mittheilen muß. Vorher muß ich noch bemerken, dass Dr. B. nicht der Einzige ist, dem die Schiffskost nicht behagt sonders daß, Herr Sobels ausgenommen, kaum noch ein oder zwei Personen in der Kajüte speisen, die nicht jeden Tag Klagelieder über Speis und Trank singen, zu denen Herr v.V. gehört, da er gerade auf die albernste Art die Schiffskost tadelnd, sich im Geiste, an früheren Genüssen der Art labend, den halben Tag von Krammetsvögeln, Austern und Pasteten faselt. Dazu glaubt er das Talent zu besitzen, durch verblümte Reden, seine Zwecke zu erreichen, weshalb er auch wohl glauben mochte, dem Kapitain bestimmen zu können den Küchenzettel zu ändern. Er fing also eines Abends an von einem anderen Kapitain zu erzählen an, der mit Auswanderern nach Texas gefahren sei, und dieselben so schlecht bewirthet habe, dass sie ihn hätten in einem englischen Hafen bei den dortigen Consul verklagen wollen, wo er mit ihnen eingelaufen sei. Der Kapitain antwortete kurz darauf und brach das Gespräch ab. Als aber Herr v.V. am Abend darauf, als ich mit dem Kapitain seinetwegen gesprochen hatte wieder davon anfing, nahm das Gespräch folgende Wendung: „H.v.V: Es war aber doch eine famose Geschichte mit dem Kapitain, und als die Passagiere ihn nun wirklich anklagen wollten, muß es ihn doch höchst fatal gewesen sein, wenn er nicht ganz in reinen Schuhen ging“. Der Kapitain: „Wan er nicht ganz in reinen Schuhen ging, allerdings! Wann er aber wußte, dass er sich nichts vorenthalten hatte, so konnte es ihm sehr gleichgültig sein, was die Leute über ihn raisonierten, mir wenigstens würde es so gehen, denn ich kann wohl annehmen, dass wann man hier herum fragen würde, auch viele Leute klagen und stöhnen würden, und ich bin doch sehr überzeugt, dass sie es auf keinem Schiffe besser finden aber es geht auf einem Schiffe, wo die Leute auf Kosten des Rheders zehren, gewöhnlich so, dass sie glauben nicht genug bekommen zu können, und dann bedienen sie sich in solchem Maße, als ob Alles kein Geld gekostet hätte, und glauben von Allem doppelt und dreifach haben zu müssen, was ihnen vielleicht in der Heimat kaum angeboten ist, wo sie sich bedachten, ehe sie einen Groten für solche Dinge ausgaben. Meinetwegen mögen sie schreiben und schreien was sie wollen, das bekümmert mich gar nicht, wann ich weiß, dass ich Recht getan habe“. V.V. „Aber Herr Kapitain, es muß doch eine eigene Sache sein, wann solche Klagen laut werden, und jener Mann hat doch um Himmelswillen gebeten, und Besserung gelobt, wenn die Passagiere ihre Beschwerden zurück halten wollten“. Der Kapitain im aufgebrachten Tone: „Das muß ein jämmerlicher, erbärmlicher Kerl gewesen sein, denn das versichere ich Sie, wann mir so Etwas begegnete, so würde es mir völlig gleich sein, ob die Leute mich verklagten, oder nicht, und den Tag werden Sie nie erleben, dass solche Klagen mich in meiner Eintheilung und Ordnung die ich einmal eingeführt auf meinem Schiffe, durchaus im geringsten wankend machen könnten“. Herr.v.V.: „Es muß aber doch Manches an der Ausrüstung der Auswandererschiffe auszusetzen sein, denn sonst würde die Behörde sich nicht bewogen gefunden haben, zu bestimmen, dass die Anzahl der Passagiere, eine angegebene, bestimmte Zahl nicht überschreiten dürfe“. Der Kapitian mit großer Ruhe seinen Thee dabei trinkend: „Nein Herr v.V., da sind Sie ganz falsch berichtet, denn diese Einrichtung geschah nicht, dass Auswanderer wegen, sondern, indem die Folge davon ist, dass die Rheder die Passage erhöhen müssen, wird die Auswandrung vermindert, und das „ist gerade der Zweck; damit die Leute in Amerika und andere auswärtige Häfen nicht so viel Schofelpack hinüber bekommen, als so schon geschickt. Was übrigens die Ursache der vielen Klagen über mangelhafte Beköstigung betrifft, so könnte ich Ihnen ein Beispiel erzählen, wie die Leute oft übermüthig sind, was sie oftmals später gern zurück hätten; da hatte nämlich ein mir bekannter Kapitain unter seinen Passagieren einige Barone, und solche hochtrabende Leute mehr, von denen der eine sich Spiegeleier, und der andere sich Beafsteaks und dergleichen bestellten, kurz, die ihrer Leckerei kein Ende wußten, und als sie nachher dort ankamen, wurde der eine Schuhputzer, der andere Kutscher, und der dritte noch weniger“. Sie können sich denken liebe Madame Kahle, dass Herr v.V. die Antwort schuldig blieb, und für den Tag genug hatte, auch ist es besser mit ihm geworden, und ich hörte, wie er den andren Tage äußerte, dass ihm wahrhaftig keine Schmeicheleien gesagt seien. So fallen hier am Schiffe mancherlei Scenen vor, von denen sich viel erzählen ließe, doch würde ich wohl ein ganzes Buch schreiben können, wenn ich sie volle zu Papier bringen wollte; dieses Gespräch aber glaubte ich Ihnen mitteilen zu müssen, weil Sie daraus erkennen, in welcher Weise Ihr Herr Gemahl den Anmaßenden gegenüber tritt. Aber im Ganzen kommen hier öfter heitere Auftritte vor, und es ist schon vorgekommen, dass der Kapitain mit Madame Neumann Tyroler Walzer und mit Herrn Geseke Polka getanzt hat. Soll ich nun der Reihe nach am Tische gehen, so muß ich, da ich mit der Familie B. angefangen bin, bei Sobels fortfahren.
 

Herr Sobels wird sowohl als seine Frau von Allen geachtet, und mir macht es das meiste Vergnügen, mich dieser Familie anzuschließen. Die kleine niedliche Emma verwildert etwas, da sie sich so viel im amüsanten Zwischendeck aufhält, doch wird hoffentlich in Adelaide nicht lange Zeit dazu gehören, die Reiseunarten wieder herauszubringen. Die Jungens sind alle munter und das sie begleitende Dienstmädchen ist ein greuliches Geschöpf, die ich an Sobels Stelle jedenfalls in Rio absetzen würde. Madame Neumann ist eine feine, niedliche Frau, die im Leben schon recht viel Kummer getragen zu haben scheint. Sie ist noch immer nicht wieder wohl, und scheint im Allgemeinen schwächlich. Ich freue mich aber, dass ihr Mann nicht mit in der Kajüte ist, darum xx*} denn es ist so schon voll genug unten. Dann kommt an der Ecke des Tisches sitzend Herr D. Von diesem Menschen ließe sich eine weitläufige Beschreibung machen, obgleich er der Uninteressanteste unter der Sonne ist. Im höchsten Grade weibischen Charakters, fühlt er sich trotz seiner zurück gelegten vier Seereisen, doch höchst unglücklich auf dem Wasser, besonders da er noch eines von Zeit zu Zeit an Seekrankheit zu leiden hat. So aufgeräumet und galant er in den ersten Tagen schien, so mißgelaunt und grämlich, ja kümmerlichen Ansehens ist er jetzt, wozu auch seine gänzlich veränderte Toilette beiträgt. Er ist aus einem der ersten Courmacher zum Gegenstande des Bedauerns, ja oft des Spottes geworden, und hat seine melancholische Stimmung schon in einigen Gedichten von schlechtem Versmaße ausgehaucht. Ein Mensch wie Herr D. der nur auf sinnliche Genüsse bedacht ist, und Alles fürchtet was dieselben stören oder ihnen wohl ganz ein Ende machen könne ist doch erbärmlich. Von diesem ließen ich unendliche Geschichten erzählen, und besonders ich kann oft nicht umhin, so gern ich es auch unterließe, seine stille Beobachterin zu sein, da ich der graden Richtung meines Auges folgend, während ich am Tische unter dem Spiegel sitze, in seine offen stehende Koje sehe. Nicht allein bemerke ich dan sehr häufig seine Näschereien, (er führt eingemachtes Obst, Orangenzucker, Confect, Chocolade, Käse,Champagner u.s.w. mit sich) sondern ich bin auch von seiner Toilette Zeuge, und freue mich jedesmal, wenn der alte Schlafrock erst herbei geholt wird, dieser Rock, der für ein Museum paßte, da er seine mystischen Farbe, und seine sonstigen ausgezeichneten Eigenschaften halber schwerlich seines Gleichen findet. Von der Harmonie der Töne hat Herr D. auch seltene Begriffe, und geht in seinen Stöhn= und Gähnausbrüchen so weit, dass selbst der Kapitain sich mißbilligend über diese Concerte wunderte und hat jetzt den Beinamen Nusselmeier, und recht leicht hätte ihm ein ga[n]ß anderer zu Theil werden können, da er sich in Alles mischt, und bei allen Leuten herum aufhält Dann hat er eine noch größere Todesfurcht als Schmitt und steht in jeder Nacht mehr als einmal auf, wenn er weiß, dass die Bramsegel aufgesetzt sind, besonders wenn er weiß, dass der Steuermann die Wache hat, den er für weniger vorsichtig als den Kapitain hält. Dass er dadurch nur den Spott der Anderen auf sich ladet, und so sich oft das Vergnügen machen ihm Allerlei aufzubinden, um ihn zu ängstigen, können Sie sich denken. Neulich als der Kapitain zu Koje war, fingen sämtliche jungen Herren an, das Lied der Matrosen zu singen, mit etwas bedeckter Stimme, welches beim aufsetzen der Segel gesungen wird, und einige Andere rissen so täuschend an den Tauen, dass es ihn doch wirklich wieder aus dem Bette und seiner Coje rief, da er glaubte, es werde wieder zu kühn gesegelt. Der Kapitain ließ sich aber nicht dadurch stören. Neulich hatte er auch das Unglück eine Katze in seiner Coje zu haben, was ihn, da er sich schon zu Ruhe gelegt hatte, zu einer allgemein belustigenden Scene Anlaß gab, und dem Kapitain namentlich solchen Spaß machte, dass er ihn später noch dadurch neckte, dass er ihn, als er schlief am Fuße faßte, um sich bei Allen beliebt zu machen, hat Herr D. eine Kiste voll Kästchen, Nadeldosen u.s.w. mit, die er an die Damen verschenkt. Mehre Damen der Kajüte haben schon welche von ihm, doch habe ich, ein niedliches Taschenbuch welches er vor mich, mit zarten Worten niederlegte, nicht angenommen, sondern es bestimmt und freundlich zurückgewiesen, da ich einmal von Niemanden Gefälligkeiten annehmen kann, die mir zuwider sind. Erst fürchtete ich, dass er mir nun böse sein werde, doch ist es nicht der Fall, (ja der Kapitain hat mich des Gegentheils sogar versichert) doch habe ich ihm einige Mal später Ar[r]ow=Root angerührt, wovon ich eine kleine Partie mitgenommen habe, und was ihm sehr heilsam war, und so sind wir wieder ausgesöhnt, besonders auch wohl daher, weil er glaubt, mich warm halten zu müssen, da er sich einbildet, dass ich dazu beitragen könne, dass öfters zum Abendessen Kartoffelsalat bereitet werde, was der Kapitain auch zuweilen gestattet, und welches Herr D. sehr gern ißt Kartoffelsalat zu machen, ist hier ein Hauptspaß auf dem Schiffe. Sämtliche Damen helfen dabei, und Madame Sobels rührt die Sauce dazu an. Eigentlich könnte man es mehr als Heringsalat netnnen. Wir nehmen einen großen kupfernen Topf voll Kartoffeln, die wir selbst abziehen, einen tiefen Teller voll Charlotten, zehn Heringe eine Menge eingemachte Senfgurken, wenigstens zwei Flaschen Essig, und nach Verhältniß Öl und Salz. Das erste Mal konnte ich bei der Bereitung nur mit Mühe das Lachen unterdrücken, über den Eifer der sächsischen Damen. Eine machte ihn mit Pfeffer, die andere sagte: „Ei, Gott behüte, statt dessen gebe ich etwas Zucker daran," und eine dritte rief „nein Zucker" nicht, aber es fehlt uns nur ein Stückchen Cervelatwurst dazu. Ich that, als ob ich nie Salat gemacht hätte, und fragte nun jede Kleinigkeit, wie ich sie machen müsse. Nur gegen den Zucker wehrte ich mich. Der Salat ward recht gut, aber Madame Sobels macht ihn nun einmal ohne Pfeffer, was sich jedoch später nachholen läßt.
 

Wollen Sie noch eine Charakteristik des Herrn D., durch sein Lieblingsgerichte, so hören Sie, dass er am liebsten an Schwemmklöße in Milch denkt, und in Bremen jeden Abend zur Vesperzeit Milch mit Rosenwasser und Zucker getrunken hat, wenn Sie dann noch vernehmen, dass er Rückenkissen mit petites points gestrickt hat, so haben Sie das volle Bild der Männlichkeit unseres Nusselmeiers vor Augen.
 

Dann kömmt an der andren Seite des Tisches meine Stubengenossin, Fräulein H., die ich vom ersten Augenblicke an richtig beurtheilte, nur dass ich ihre große Gutmüthigkeit nicht sogleich wahrnahm. Geistesgaben sind bei ihr das Wenigste, und wohl veranlassen mag, dass sie sich und Andere jetzt etwas zu langweilen anfängt. So laut, und sch[wat]zhaft sie in den ersten Tagen war, so schweigsam und unbedeutend ist sie jetzt. Mit einem Worte sie gehört nicht zu den Leuten, die bei näherer Bekanntschaft gewinnen, und sie ist wohl gerade das Gegentheil von Fräulein E. V. und A. R. in Vegesack, von denen der Kapitain mir, als von seinen Freundinnen, oft erzählt, denn ich glaube gewiß, dass Fräulein H. nie im Leben seine Freundin werden könnte. Im Ganzen ist sie aber erträglicher Natur, und begnügt sich damit, wenn ich mich am Tag wenig um sie bekümmere, deshalb sind wir doch ganz gute Freunde.
 

Dann kömmt Herr O. ein Freund der H.sehen Familie. Er ist einer der besten und feinsten unserer Herren, schon angenehm dadurch, dass er es eigentlich mit keiner Parthei hält, sondern still und ruhig seine eigenen Wege geht. Dieser arme Mensch, der früher anfing Medicin zu studieren, ist zehn Jahre krank gewesen, und leidet noch jetzt fast immer, macht diese Reise auch aus seiner Gesundheit halber, und denkt nach zwei Jahren zurückzukehren. Er sagte mir neulich, dass er sogar recht fröhlich mit den lustigen Leuten sein würde, aber die stete Berücksichtigung seines körperlichen Befindens gestatte es ihm nicht. Er und Sobels sind eigentlich die Einzigen der Herren (Witte nicht zu vergessen) die von Allen gern gesehen werden. Alle andern halten sich mehr zu dieser oder jener Clique. Herrn O's Nachbar ist Herr H. meiner Kameradin Bruder. Dieser junge Mann, auch die schwedische Nachtigall genannt, seines unaufhörlichen Pfeifens und Singens halber, auch Grasaffe und Schmerzbeutel benamhet verschiedener anderer Ursachen wegen, die Ihnen Ihr Herr Gemahl später mittheilen wird, erscheint jetzt nur im rosenroth gestreiften Hemde, und einem weiß mit lilla gestreiften Halstuche. Als er einst die kühne Idee faßte H. v.V. bei uns jungen Damen mit einem Lockenköpfchen den Rang abzulaufen, ging er
eines großen Gedankens voll, pfeifend im dreiviertel Takte in seine Coje, und erschien alsobald wieder mit einem weißen Manschettenhemde und prächtigem Vatermörder, blitzte aber doch ab, und das, wie v.V. selbst sagt, nur darum weil V. keine Manschetten trägt, und in solchen Angelegenheiten mehr Routine hat. Seit diesem Vorfall ist Schmerzbeutel seekrank, hat auch fast die Sprache sammt Siegerlust verloren, und schleicht wie ein Gespenst umher. Ausgenommen wenn er belehrend in geschichtlicher Beziehung werden kann, was nun einmal seine Leidenschaft ist, und womit er nicht selten aufgezogen wird, da die andren Herren, sich, verabredeter Weise fragend um die schwierigst zu entscheidenden Punkte der Geschichte an einander wenden, ausgenommen dieser Belehrungen sieht er sehr finster in das Leben hinein, spuckt entsetzlich viel aus, so dass seine Nähe gefährlich, und hat einen Appetit zum Erstaunen. Der Kapitain hält auf ihn fast so viel, als auf die Doctorin B. und ich fürchte nur, dass er ihm noch einmal eine Liebeserklärung besonderer Art mache. Neulich athmete Schmerzbeutel wieder auf, da nämlich eines Sonntags die Herren der vordem Coje (an der Steuermannscoje) sich einen starken Punsch gemacht hatten, und dadurch, so wie durch das Singen französischer Freiheitslieder sehr aufgeregt waren, ohne jedoch eben friedfertiger dadurch geworden zu sein. Es ereignete sich nämlich ein Zank zwischen Herr v.V. und dem kleinen graduierten Bruder des Lockenköpfchens, und die Folge davon war, von des Courmachers Seite die Ankündigung eines Duells, wenn es den Gelehrten nicht gefallen solle, sich von ihm einen dummen Jungen nennen zu lassen. Es war ein Hauptscene! Das Duell unterblieb natürlich, aber Herr v.V. und das Lockenköpfchen mieden sich jetzt, was im Ganzen genommen sehr gut ist, und endlich eine fühlende Seele, nämlich die des Schwarzbeuteis sehr glücklich geworden. Den halben Abend noch führte er eine Dame in
Doppeltönen pfeifend, auf dem Quattrdek [Quarterdeck] umher, und Tags darauf ward die blaue Wäsche, mit der oben beschriebenen rothen vertauscht, und alles frühere Weh ward abgethan, ausgenommen der Appetit  beibehalten ward. Dann kömmt Herr Witte am Tische, ein feiner, ruhiger Mensch, der sich gutmüthiger Weise Manches von den Andern gefallen läßt, von dem ich aber glaube, dass er sich, wenn wir erst in Adelaide sein werden, aus manchen Verbindungen herausziehen werde, in die er hier gekommen. Ich halte ihn für den solidesten aller unserer jungen Herren, und konnte es deshalb auch nicht unterlassen ihn neulich zu sagen, dass es mir schien, als gehöre er nicht so recht mit zu der Firma Wuggelmeier & Cop. Von dieser Firma später, da die anderen Mitglieder, und besonders das Haupt derselben an unserem Tische sitzt.
 

Nun wären an dem ersten Tische nur noch Herr und Madame F. aus Paderborn nach, und dies sind ruhige und friedliche Leute. Die kleine Frau ist 21 Jahre alt, sehr fideler Natur kann aber auch recht böse werden, und das Prädicat ruhig, scheint deshalb nicht für sie zu passen, doch meine ich es in der Beziehung, dass sie wenigstens keinen Unfrieden anstiftet, sich aber bei vorkommenden Fällen wohl zu vertheidigen weiß. Sie wird mit ihrem Mann in Rio bleiben wann es sich so einrichten läßt, da sie bei einer längeren Reise für ihre Gesundheit fürchtet. Ich habe ihr sehr abgerathen, aber was die kleine Frau sich einmal in den Kopf gesetzt hat, scheint sie gewöhnt zu sein, durchzuführen, und Kaspar wagt selten sich zu emancipieren, wenn Trüdchen auf Etwas besteht. Wahrscheinlich wird das Fortkommen dieser Leute in Brasiliens Hauptstadt nicht so leicht sein, als in Adelaide da sie kein großes Vermögen zu haben scheinen.
 

Nun zu unserem Tische übergehend will ich in der Mitte unter dem Spiegel anfangen, wo der Kapitain Kahle sitzt. Dieser ist ein Mann zwischen dreißig und vierzig Jahren bei dem es sehr auf auf die Stimmung ankömmt, in welcher man ihn kennen lernt. Mir vertraute seine Tischnachbarin zur Linken, dass sie sich in Bremerhafen so sehr vor ihm gefürchtet habe, dass der Umgang mit ihm, welcher ihr bevorgestanden, sie eben so sehr, als die Seereise selbst geängstigt habe, da sie ihn für herrisch, spöttisch und lieblos gehalten habe. Es sei so weit gegangen, dass sie nicht das Herz gehabt habe, nach Etwas zu fragen, und dass sie dem Kapitain aus dem Wege gegangen sei, wo sie gekonnt habe. Ich muß aber bekennen, dass wenn man den Kapitain erst kennen lernt, es unmöglich ist, ihn nicht lieb zu gewinnen, da er so ein Zutrauen erweckendes Wesen hat und es so treu und gerecht mit Allen meint, dass man ihn achtet und ehrt, als sei er ein lang bewährter Freund. Auch habe ich gefunden, dass er denjenigen vertraut, die ihm Ehrlichkeit und Offenherzigkeit zeigen, und ich wüßte nicht, wie Jemand gefälliger und freundlicher gegen seine Passagiere sein könnte als Kapitain Kahle, vorausgesetzt, dass man ihm nicht anmaßend oder trotzig gegenüber tritt. Das Wunderbarste ist aber, dass gerade jene, den Kapitain im Anfange so fürchtende Cajütenpassagierin, jetzt das allergrößte Zutrauen zu ihm hat, und mir noch neulich sagte, dass sie sich ihrer geringen Menschenkenntnis recht zu schämen, und dem Kapitain im Herzen das Unrecht schon oft abgebeten habe, welches sie ihm gethan. Ihr sei es gerade so unendlich viel werth, mit einem solchen Kapitain zu reisen, da sie, ganze allein die Reise mit so großen Besorgnissen angetreten habe, und sie könne es Kapitain Kahle in ihrem ganzen Leben nicht genug danken, dass er sie so freundlich und vorsorgend behandle. Dieser Mittheilung zufolge, werden Sie sich nun schon einen Begriff von der Individualität dieses Mädchens machen können, weshalb ich mich auf ihre Beschreibung nicht weiter einlasse.
 

Links weiterhin sitzen zwei Schwestern, eine von 21 und eine von 13 Jahren. Die älteste ist ein niedlich Mädchen mit schönen Locken und großen blauen Augen. Im Anfange ward sie sehr von den jungen Herren beachtet, doch ist es jetzt stiller in ihrer Nähe, was mir für das junge Mädchen auch Wünschenswerther scheint. Sie ist im Herzen genommen freundlich und gefällig und ist mit mir zu des Kapitains Damen bestimmt, wenn er nach Rio fährt. Die Kleine ist noch ein rechtes Kind, jedoch ohne den Liebreiz der Kinderjahre, was wohl aus ihrer Kränklichkeit hervorgehen mag, theilweise aber auch in Leblosigkeit ihres Geistes liegt. Sie spricht wie eine alte Frau, und guckt doch Mittags gern erst unter den Deckel der Suppenterrine, wenn sie sich allein in der Kajüte glaubt.
 

Nun kommen die beiden Prachtexemplare und Lieblinge der ganzen Gesellschaft, nämlich der Oberingenieur und unser Aesculap. Leider Männer, die eigentlich unter aller Beurtheilung stehen. Der Oberingenieur ist ein ganz gemeiner, anmaßender und dabei über alle Begriffe  dummer Mensch, der sich von Leuten erst die größten Grobheiten sagen läßt, und fünf  Minuten später sich freundlich zu ihnen gesellt, obgleich Niemand mit ihm zu thun haben  mag. Er hatte einmal einen Scandal mit Nusselmeier; er hatte Unrecht da er sich ein Recht anmaßen wollte, was ihm nicht zukam. Der deutlichste Beweis seiner Unbeliebtheit waren mir damals, dass nicht allein Alle sich seiner Niederlage freueten, sogar Manche aus dem Zwischendeck jubelten, sondern, dass auch der Kapitain, der wenn Uneinigkeit entsteht, gleich dabei ist, um vermittelnd einzuwirken nicht hinzu trat, obgleich er nicht weit davon entfernt war. An inneren Werthe aber so unliebenswürdig, und dazu noch höchst verächtlich über die Nichtachtung der Verantwortlichkeit die auf ihm ruhet, dazu im Äußren eine Carricatur, ist der Aesculap. Seinen Beinamen Mordaesculap, oder Freßaesculap hat er doppelt verdient, da hier Geschichten passiert sind, die ich Ihnen lieber erzählte, als ich sie schreibe. Ob er sich bei einem Pulver in der Quantität oder Qualität vergreift scheint ihm ein Geringes, wodurch, so viel mir bekannt, freilich noch kein Unglück, wohl aber sonderbare Dinge entstanden sind. Bekömmt er Etwas was gut schmeckt für seine Kranken, so ißt er gewiß über die Hälfte selbst auf, ja er ist schon zu Leuten im Zwischendeck gegangen, um für Kajutenpassagiere Eßwaren zu finden, und hat sie selbst verzehrt, ohne dass jemand um seine Bestallung wußte. So unnütz er als Arzt, so widerlich ist er als Mensch. Wenn er etwas Rum oder sonstige Spirituosen erwischen kann, trinkt er sich in voller Stille einen Rausch dazu ist er im höchsten Grade unappetitlich und unordentlich, und da er sich mal bei den Damen des Zwischendecks aufhält, so nehme ich eines meiner Kleider zusammen, wenn ich in seine Nähe komme, da er von Schmutz fast klebt, sowie ich Mittags nie an der Seite aus der Schüssel nehme, wo er mit dem Löffel gewesen ist. Zwischen uns beiden ist die Sympathie überhaupt zu Hause, da er sich mir von fern grimmig, und in der Nähe scheu ansieht, da ich ihn nämlich einmal recht die Wahrheit sagte, wie er durch Klatscherei, dem Kapitain einen bedeutenden Verdruß gemacht hatte. Ich bitte den Kapitain immer aufs neue, dass er diesen abscheulichen Menschen doch nicht wieder zurücknehmen solle, und wenn es dennoch geschähe mir doch zu versprechen, bei vorkommenden Krankheitsfällen. Nichts aus seinem Mordkasten zu genießen. Mir wenigstens würde eine von ihm bereitete Arznei nur einzuflößen sein, wenn ich das Bewußtsein verloren hätte.
 

Nun komme ich an den kleinen 22jährigen Pharmaceuten Doctor M. dessen Beschreibung eine sehr kurze werden wird. Einen ledernen Mensch, nennt ihn der Kapitain, und ich wüßte keine passendere Bezeichnung. Beständig in Lehr Worten [?] sprechend ist er ganz und gar ein Bücherwurm -, dem so durchaus die Flügel zum Fluge nach der neuen Welt fehlen, dass er bald mit seinen unpractischen Lebensansichten, und seiner Gelehrsamkeit sein Vermögen aufgezehrt und hungern wird, woran er wohl nie gedacht haben mag, da er in dem Wahne, dass man ihn gleich als Naturforscher anstellen werde, von goldenen Bergen träumt.
 

Dann kömmt unser alter Herr F. ein bescheidener, ruhiger, alter Mann, der mich immer dauert, weil er so alleine steht. Auch ihn hat man einen Beinamen Gabelkönig, gegeben, weil er die Gabel bei dem Essen zuweilen etwas vernachlässigt. Die Firma Wuggelmeier sorgt aber des Mittags sehr nett für den Alten, und er ginge auch um keinen Preis von unserem Tische fort, obgleich er unbequem, auf einem Stuhle an demselben sitzt.
 

Nun kömmt das junge Ehepaar, welches in der Hütte eine Coje hat. Dieses sind höchst einfache, aber ganß brave, ernstliche Leute, die sich zu Niemandem halten, obgleich sie mit Jedem freundlich sprechen. Sie sind in mehre[re]n Wochen nicht am Tische gewesen, da sie sich beide sehr krank fühlten, und haben überhaupt in langer Zeit fast Nichts gegeßen. Dieses Ehepaar scheint mir, denn die Kränklichkeit wird sich am Lande sogleich geben, da sie jetzt schon nachläßt, zum auswandern das allerpassendste, da sie beide arbeitsfähig und rüstig sind, dazu die feinen Lebensgenüsse weder kennen noch verlangen. Auch diese denken in Rio zu bleiben, und ich denke mir, dass Herr H. dort eher fortkömmt als Herr F., da es weniger Leute dort geben wird, die sich mit mit Brücken und Wasserbau beschäftigen, als anzunehmen ist, dass eine solche Stadt Mangel an Gold und Silberarbeiten haben. Unwillkürlich fällt mir bei Madame H.s Anblick ein die Vergänglichkeit irdischer Schönheit «le«, denn obgleich sie sich bedauert und durch Abnahme ihrer Corpulenz verschönert hat, so habe ich doch mit Verwunderung der Verwandlung ihres schönen, rosarothen Hutes zugesehen. Sie erinnern sich gewiß dieser zarten Schönheit, die mir gleich zu undurabel für eine Seereise schien. Jetzt aber fällt Niemanden mehr ein, dass der Hut ja rosenroth gewesen sein könne, der es nicht mit erlebte, denn es sind die schönsten braunen und grauen Marmorverzierungen darauf zu sehen, und die Form gleicht eher einem dreieckigen Herrenbyte, als einem Helgoländemute.

 

Endlich komme ich nun zu der Firma Wuggelmeier & Cop: deren Inhaber außer Witte, die Herren mm, G.[,] R. und v.V. sind, und das sind den auch die letzten, welche ich an der Gesellschaft zu beschreiben hätte. Diese Herren sind offenbar die heitersten unserer Gesellschaft, nur wie es denn wohl zu gehen pflegt, zuzeiten, wenn der Wein ihre Herzen erfreuet hat, etwas ausgelassen. Herr v.V. ist der Tonangeber.

Er ist ein kluger und oft sehr witziger Mensch, der aber schon zu viel mitgemacht zu haben scheint, als 22 Jahren gewöhnlich erwarten lassen. Wem er nicht gut ist, der ist schlimm dran, denn seine Sticheleien nehmen kein Ende, doch habe ich von mir selbst erlebt, dass er später sein Betragen bereuet, und durch Aufmerksamkeit wieder gut zu machen sucht. Herrn R. s hervorstechendste Eigenschaft, ist mir bis jetzt noch immer sein guter Gesang, doch kann man auch von ihm sagen, dass er sehr beißende Bemerkungen machen kann, im Ganzen spricht er nicht viel. Herrn G. fand ich zuerst sehr liebenswürdig weil er in Gefälligkeiten unermüdlich und unübertrefflich ist, und was mir so sehr gefiel er ist gegen jeden Einzelnen gleich gefällig und zuvorkommend; aber im Laufe der Zeit habe ich die unangenehme Bemerkung gemacht, dass Herr G. oft noch viel verwundender und hämischer sein kann als sein Compagnon v.V. und obgleich er mir nie etwas Unangenehmes gesagt hat, so ist er doch seitdem sehr in meiner Achtung gesunken, dazu hat er sich auch neulich bei der Neptunsfeier unverständig benommen. Woher der Name Wuggelmeier kömmt weiß Niemand, man schiebt ihn auf die Bewegung des Schiffes. Von allen Lustigkeiten die ausgeführt werden, heißt es: das haben Wuggelmeier gethan, oder auch die zweite Firma Pinckernelle, bestehend aus Herrn Sobels, Neumann, Schedlich, Müller und dem Steuermann Henke. Läßt sich hier am Schiffe Jemand das Geringste zu Schulden kommen, so mag er sich vor Wuggelmeier hüten, die gleich ihre Volksstimme erheben, und es so der ganzen Gesellschaft kundgeben. Wem sie aber gut sind, die sind auch geborgen, und zu diesen Glücklichen gehöre ich jetzt.
 

Heute schreiben wir den 25sten September, und diesen Morgen waren wir nur noch fünfzehn Meilen von Rio entfernt, weshalb ich meine Worte an Sie, liebe Madame Kahle beenden muß, da Ihr lieber Mann diese Blätter gleich zuerst mit an Land nehmen will, wenn vielleicht Gelegenheit zur Absendung vorhanden wäre. Sehr mangelhaft, das fühle ich selbst, ist mein Bericht, und da ich nach des Kapitains Versicherung zu hoffen wage dass es Ihnen lieb sein könnte, wenn ich fortfahre, so habe ich mir vorgenommen, wenn wir wieder von Rio fortgehen, eine Fortsetzung zu beginnen. Seien Sie überzeugt dass ich recht oft mit herzlicher Zuneigung an Sie danke, und am allerliebsten höre, wenn der Kapitain von Ihnen, und seiner kleinen Marie erzählt, was so oft geschieht, dass ich mich schon ganz nach Vegesack hineindenken kann, und es schmerzlich bedauere, nicht dort gewesen zu sein. Wollen Sie mir nun eine recht große Freude machen, so schreiben Sie mir mit dem nächsten Schiffe, wie es Ihnen ergeht. Meine Adresse ist: Pastor Fritzsche in Lobethal bei Adelaide. Aber noch eine andere Bitte habe ich an Sie: Ihr Herr Gemahl meinte, ich dürfe sie aussprechen, nämlich dieses Heft, meiner Cousine nach Hamburg zu schicken wenn Sie es gelesen. Ich sähe es sagen, und Sie sollten es dann nach einiger Zeit über Lehe, durch Marie Rodatz wieder zurück erhalten. Ich komme nicht dazu alles zweimal zu schreiben, und ich werde mich bemühen den zweiten Theil meiner Notizen recht ausführlich zu schreiben, damit Sie, und meine Verwandten sich ein anschauliches Bild von dem Leben und Treiben auf dem Beckerath machen können. In der Hoffnung, dass dieses bald in Ihre Hände komme, freundlich von Ihnen aufgenommen werde, bitte ich noch einmal zu entschuldigen, dass die Ausdrucksweise und Folge in der Erzählung  oft so schlecht ist, was mir nicht anders möglich war, bei immerwährendem Sprechen, und  lärmen Anderer. Wo der Sinn fehlt, ist freilich schwer zu verstehen, aber ich vertraue  Ihrer Nachsicht. Zum Ende biete ich Ihnen noch einen herzlich gemeinte Glückwunsch  zu Ihrem vorgestrigen Geburtstage, an welchem Ihr lieber Mann und ich Ihnen  Gesundheit getrunken haben, Mittags im Beisein Aller, ohne jedoch ein Wort  davon zu erwähnen. Leben Sie recht wohl, liebe Madame Kahle, und wenn  Fräulein Scheibel sich meiner noch erinnert, an die ich noch oft durch die familiaire  Ähnlichkeit ihres Bruders erinnert werde, dann grüßen Sie sie freundlich von  mir. Mein herzlicher Wunsch ist, dass Sie mit Ihrer Tochter froh und gesund bis zur Ankunft des Beckerath bleiben, um dann wieder einige glückliche Monate  im trauten Familienkreise erleben zu können.

Es grüßt Sie mit Liebe

Ihre
Lisinka Nehrlich
 

Die Adresse meiner Cousine ist Fräulein Friederike Klose in Hamburg St: Georg Strohhaus No. 82
 

Namentlich von Lisinka Nehrlich erwähnte Passagiere (vorerst noch unvollständig):

Albrecht, Mechthilde, Buchdruckertochter, Wolfenbüttel
Lind, junger, Gefolge von Sobels
Neumann (beide)
Schedlich, Bruder von Mme. Neumann, guter Sänger
Schmidt, Schmitt, todesfürchtiger
Sobels, (beide kleine)
Sobels, Emil
Sobels, Familie
Sobels, Madame
Neumann, Frau & Herr
Witte (feiner, ruhiger Mensch)
 

Anonymisierte Passagiere (vorerst noch unvollständig):

B., Dr. (3 jüngste Kinder)
D., Herr
F., Herr aus P. (alt, bescheiden, ruhig „Gabelkönig") -vermutlich Thierry Friedhof(f)
F., Herr (wechselt Kleidung nicht)
F., Kaspar & Trude (aus Paderborn - nur bis Rio)
G., Herr
H., Frl.
H., Herr (Brudervon Lisinkas Kameradin Frl. H.)
M., Dr., Pharmazeut (Baron Ferdinand von Müller)
O., Herr (Freund der H'schen Familie)
S., Herr
v.V., Herr
 

Kabinenpassagiere It. „The Passenger List - Hermann von Beckerath Bremen nach Adelaide 1847" im Internet (www.theshiplist.com ships australia hermannvonbeckerath1847.htm)
 

(Zwischendeckpassagiere siehe dort.)
1.    Bodenmann, M.L.
2.    Bruhn, Geo. St. & lady
3.    Drooge, George
4.    Friedhof(f), Thierry
5.    Gerke, W.O.
6.    Heuzenroeder, H. & sister
7.    Müller (Miller) Ferdinand & 2 sisters
8.    Nehrlich, Lisinka, Miss
9.    Newman, Mrs.
10.    Oswald, Ferdinand
11.    Pabst, Julius, Dr., surgeon-superintendent
12.    Sobels, CA. & lady
13.    Sobels, Emma, Miss
14.    v. Voss, F.A.
15.    Wentzel, Emilius
16.    Witte, Friedolphus
 

Transkription: Detlef R. Papsdorf, Bellersheim vom 20.10.2009
©Originalbrief: Niedersächsisches Staatsarchiv Stade © Transkription Korrektur: Familienarchiv Papsdorf Bellersheim